Eine Leseprobe aus dem Buch
"Geschichten von Emily"
von Barbara Jung





 
 

Emily und Loris verreisen

von Barbara Jung
(c)


In diesem Jahr brachte der Osterhase für Emily einen kleinen Koffer. Verpackt in lustiges Osterhasenpapier aus der Osterhasenwerkstatt war er im Garten versteckt gewesen, zusammen mit vielen bunten Ostereiern und noch einigen anderen Überraschungen. Es war ein wunderschönes Köfferchen, und Emily hat sich sehr darüber gefreut. Sie packte gleich alles Mögliche hinein.

Ihr Freund Loris, der im Nachbarhaus wohnt, fand den Koffer ebenfalls ganz super. Wie gern hätte er auch einen gehabt! Am besten sollte er ganz genauso aussehen wie Emilys Koffer. Weil er es sich so sehr wünschte, bekam er zum Geburtstag tatsächlich ein genau gleiches Köfferchen geschenkt.

Auch Loris war ganz stolz auf seinen kleinen Koffer.


Eines Tages wollte Emily über das Wochenende Oma und Opa besuchen. Da kam das Köfferchen wie gerufen! Emily staunte, wieviel da hineinpasste: ein paar Bilderbücher, noch ein anderes Buch mit Geschichten zum Vorlesen, ein Würfelspiel, das sie so gern spielte, ein Memory, vier Autos, ein Kästchen mit bunter Knete und noch vieles andere, zum Beispiel ihre neuen Hausschuhe. Auch ein paar Kleider zum Wechseln für ihre Puppe Laura passten hinein. Und ganz obendrauf packte sie - vorsichtshalber, falls es einmal regnete - ihren eigenen roten Anorak.

Mami fuhr das Auto aus der Garage vor die Haustür, Emily zog ihr Köfferchen mit den kleinen Rädern an seinem langen Griff auf die Straße, ganz wie die Großen es immer tun. Papa trug inzwischen eine Reisetasche mit Emilys Kleidern für das Wochenende zum Auto. Aus dem Reißverschluss lugten ihre Puppe Laura und ihr Teddybär, den sie immer zum Kuscheln mit ins Bett nahm.

Als sie gerade zum Auto gehen wollte, sah Emily ihren Freund Loris, der genau wie sie seinen Koffer bei sich trug.

Da erinnerte sich Emily, dass Loris und seine Eltern ja heute verreisen wollten - ans Meer, wie sie gesagt hatten. Aber zum Glück nur für ein paar Tage! Das war nicht lang. Bald konnten sie also wieder zusammen spielen. Jetzt allerdings mussten sie erst einmal Abschied voneinander nehmen.

Weil ihre Mamis und Papas damit beschäftigt waren, das Gepäck in den Autos zu verstauen und anschließend ein kleines Schwätzchen zu halten, hatten Emily und Loris noch ein wenig Zeit zum Spielen. Sie stellten ihre Koffer ab und balancierten ein bisschen auf der niedrigen Mauer vor Emilys Haus.

Dann wurden sie von ihren Eltern gerufen. Sie sagten sich "Tschüss" und wünschten sich gegenseitig eine schöne Zeit bis zum Wiedersehen. Sie kletterten in die Autos und auf ihre Kindersitze. Dabei vergaßen sie ihre Koffer auf dem Gehweg. Ihre Papas mussten wieder aussteigen, die Köfferchen holen und in den Kofferraum des jeweiligen Autos laden. Dann ging es endlich los.

Bei Oma und Opa angekommen, öffnete Emily ihren Koffer, um ihr Me-mory herauszuholen. Sie bekam einen Riesenschreck!

Nanu, was war denn das bloß in ihrem Koffer? Ganz aufgeregt und ängstlich lief Emily zu Oma, die in der Küche Pfannkuchen für das Mittagessen zubereitete.

"Oma", flüsterte Emily bang, "eine böse Hexe hat all meine schönen Sachen in meinem Koffer verhext!"

"Du willst wohl ein Witzchen mit deiner armen Oma machen!" rief diese und wischte sich die Hände an einem bunten Küchentuch ab. Ich glaube nicht, dass es böse Hexen gibt, höchstens Feen, und die sind meistens lieb!"

"Natürlich gibt es böse Hexen!" behauptete Emily.

"Ich kenne nur liebe Feen", beharrte Oma und beugte sich über das Köfferchen. "Lass mal sehen! Das sind doch lauter schöne Dinge in deinem Koffer!"

"Ja, schön sind sie schon", gab Emily zu. "Aber die Sachen gehören mir gar nicht. Ich habe sie auch nicht eingepackt, sondern ganz andere. Also müssen sie verzaubert worden sein."

Sie deutete immer noch aufgeregt mit dem Zeigefinger auf die Spielsachen und Kleidungsstücke, die ganz plötzlich in ihrem Koffer waren.

Alles, was sie selber eingepackt hatte, war verwandelt: Die Bücher waren ganz andere, das Memory fehlte, dafür war ein Domino im Koffer. Auch ihre Autos waren nicht da. An deren Stelle fand Emily einen Jeep, einen Traktor und ein Feuerwehrauto. Auch alle anderen Dinge, die sie eingepackt hatte, waren in andere Spielsachen verwandelt. Puppenkleider für Laura gab es überhaupt nicht mehr. Sogar ihr eigener Anorak hatte eine andere Farbe bekommen: Er war jetzt gelb anstatt rot, und die schönen blauen Hausschuhe hatten die Gestalt von braunen Plastiksandalen angenommen.

Oma besah sich den Kofferinhalt genauer. Sie sah sofort, was passiert war, obwohl sie keine Fee war, die die Wahrheit herbeizaubern konnte, sondern eben nur eine Oma, wenn auch eine ganz besonders liebe. Sie drückte Emily an sich und lachte.

Weil Emily noch nicht so gut lesen konnte, hatte sie es nicht selbst erkennen können: In den fremden gelben Anorak war nämlich ein kleines Schildchen hineingenäht, und darauf stand in großen schwarzen Buchstaben "Loris F." Das hatte Loris' Mami in alle seine Kleider geschrieben, die er im Kindergarten trug, damit sie dort nicht verwechselt würden. Oma las ihr den Namen vor.

"Siehst du, mein Schatz, ich hab doch gleich gewusst, dass es keine bösen Hexen gibt! Loris und du habt eure Koffer selber verzaubert."

Emily und Loris hatten vor der Abfahrt daheim noch vor dem Haus gespielt, und ihre beiden Koffer hatten nebeneinander auf dem Gehweg gestanden. Und weil sie genau gleich aussahen - wie Zwillinge, die niemand auseinanderhalten kann -, waren die Koffer beim Verstauen in die Autos vertauscht worden.

Nun war Emily aber erleichtert! Keine böse Hexe, das war gut! Sie überlegte: Dass die Koffer vertauscht waren, war eigentlich gar nicht schlimm. Dann würde sie eben mit Loris' Spielzeug spielen und er mit ihrem. Ein gelber Anorak war genauso gut wie ein roter - falls es wirklich Regen gab. Hausschuhe brauchte sie bei der Oma auch nicht, denn es war warm, und in Omas und Opas Wohnung lag Teppichboden. Und falls die Puppe Laura ihre Kleider vollkleckerte, konnte Oma sie ja waschen. Es war also alles bestens. Wenn Loris und sie wieder zu Hause waren, würde jeder seinen eigenen Koffer wiederbekommen.

Nur eines musste Emily noch dringend klarstellen: "Weißt du, Oma, wer die Koffer wirklich verzaubert hat? Das waren nicht Loris und ich, das waren unsere Papas!"



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(c) BeJot 2007